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Nordsee-Crash: Kollateralschaden am gebeutelten Ölmarkt

Von der Redaktion des Kopp Verlages
Ein Interview sorgt für Furore. Der Chef des britischen Öl-Explorationsverbandes Brindex, Robin Allan, verriet der BBC, dass die lokale Ölbranche wegen der eingebrochenen Preise »kurz vor dem Kollaps« steht. Bei Preisen unter 60 Dollar je Barrel Öl sei es »praktisch unmöglich, Geld zu verdienen«. Die Öl-Notierungen sind seit Juni um 45 Prozent gesunken.

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Trotz dramatischer Kürzungen bei Personal und Investitionen, so Allan, sei die britische Ölindustrie in »eine enorme Krise« geschlittert. Diese werde schmerzhaft »für das ganze Land« sein. »Alle kürzen ihre Budgets für 2015«, sagt der Mann, der selbst Chef eines Ölunternehmens ist.

Vieles von dieser drastischen Schwindsucht in der Ölbranche werde jedoch keine großen Schlagzeilen machen, weil die Arbeiter in dieser Industrie über kleine unabhängige Vertragsunternehmen temporär beschäftigt werden.

Anstatt Entlassungen auszusprechen, beenden die großen Ölförderer einfach ihre Verträge mit Dienstleistern und Lieferanten.

Wie ernst die Situation in der Nordsee schon nach kurzem Preiseinbruch beim Öl ist, zeigen die Reaktionen der Gewerkschaften. Jake Molloy von der britischen Rail and Maritime Transport Union warnte zur Wochenmitte, der Ölindustrie des Landes drohe ohne starke Steuersenkungen das Schicksal der Kohleindustrie.

Zuvor hatte die Wood Group, einer der führenden Dienstleister im britischen Ölgewerbe, die Zahlungen an Auftragsfirmen um zehn Prozent reduziert. Laut Molloy fährt die Ölindustrie in der Nordsee direkt gegen eine Wand:
»Wir erleben die größte Misere seit 1986. Wenn das keine Krise ist, weiß ich nicht, wie man eine Krise definiert. Der gesamten Förderung in der Nordsee droht das Ende, wenn die Preise für Öl so am Boden bleiben. So ernst ist das inzwischen.«
Der britische Telegraph berichtete am Mittwoch unter Berufung auf die Beratungsgesellschaft Wood Mackenzie, dass in der Nordsee Förderprojekte mit einem addierten Investitionsvolumen von 70 Milliarden Euro auf der Kippe stehen.

Irans Ölminister hat für den scharfen Einbruch der Notierungen unterdessen eine »politische Verschwörung« verantwortlich gemacht.

Der Iran und Venezuela, die neben Russland besonders unter den einbrechenden Ölpreisen leiden, üben erfolglos Druck auf die OPEC aus, die Fördermenge von insgesamt 30 Millionen Barrel pro Tag doch noch zu kürzen. Das Kartell hatte sich vor einem Monat dagegen entschieden.

Auch im Fracking-Mekka USA werden die Schleifspuren sichtbar länger. Der Bundesstaat Texas, der mit seinem Öl-Schiefer-Boom seit Jahren die US-Wirtschaft anschiebt, könnte laut dem Chefökonomen von JPMorgan in den USA vor einer Rezession stehen.

Michael Feroli, so der Name des Ökonomen, macht eine düstere Prognose:

»Angesichts der Tatsachen gehen wir davon aus, dass Texas ein schwieriges Jahr bevorsteht, dem Bundesstaat droht eine regionale Rezession.«
Die Arbeitslosigkeit in Texas hat zuletzt deutlich unter dem Schnitt der USA gelegen, das Wirtschaftswachstum war doppelt so hoch. Mitte der 80er Jahre, so Feroli, habe ein ähnlicher Einbruch des Ölpreises von rund 50 Prozent eine Rezession in Texas verursacht.