Der Untergang Roms: Washingtons 6,6 Billionen Dollar großes »Schwarzes Loch«

F. William Engdahl info.kopp-verlag.de/hintergruende

Jeder, der sich ernsthaft mit Geschichte beschäftigt, wird gespenstische, aber begründete Parallelen zwischen der Zusammenbruchskrise des Römischen Imperiums im 4. Jahrhundert n.Chr. und dem gegenwärtigen Zusammenbruch der amerikanischen weltweiten Hegemonialstellung erkennen. Die Entscheidung, wer in hohe politische Ämter gewählt wird, liegt heute fast ausschließlich in den Händen großer Finanzmagnaten und ihrer wirtschaftlichen Interessen. Und die Auswahl der Kandidaten, die dem Wahlvolk zur Abstimmung vorgesetzt werden, lässt einen schon einmal an der Sinnhaftigkeit von Wahlen zweifeln, wenn man scheinbar nur die Wahl zwischen »»grottenschlecht« und »miserabel« hat.

Und während der scheidende US-Präsident Barack Obama noch versucht, das auf beiden Seiten des Atlantiks von der Bevölkerung abgelehnte sogenannte Freihandelsabkommen TTIP auf Biegen und Brechen durchzusetzen, veröffentlichte das für die US-Armee zuständige interne Kontrollgremium (Inspector General) des US-Verteidigungsministeriums im Zusammenhang mit amerikanischen Militärausgaben einen Bericht über ein »Schwarzes Loch« im Umfang von 6,5 Billionen Dollar. Dieses »Schwarze Loch« betrifft Ausgaben aus Steuergeldern, deren Verwendung gemessen an herkömmlichen Haushaltsbilanzierungsmethoden schleierhaft ist und nicht dokumentiert werden kann.

Hier geht es um Billionen Dollar, nicht um Milliarden oder Millionen. Die genannte Summe entspricht etwa 40 Prozent des gesamten jährlichen Bruttoinlandsproduktes (BIP) der USA. Für dieses Geld gilt sozusagen der militärische Ausdruck »Missing in Action«.

Der Defense and Accounting Service des Pentagons, der Finanz- und Buchhaltungsdienstleistungen für die militärischen und zivilen Mitarbeiter des Pentagons erbringt, enthüllte in seinem Bericht vom 26. Juli 2016, dass aufgrund sogenannter »Berichtigungen« bei allgemeinen Finanz- und Datentransaktionen des Heeres im Haushaltsjahr 2015 bei den Ausgaben eine Lücke von 6,5 Billionen Dollar klaffe, über die aufgrund fehlender oder nicht ausreichender Belege keine Rechenschaft abgelegt werden könne. Der Bericht, der vom Inspector General desSecretary of the Army (SECARMY), dem Leiter des Heeresamtes der US-Armee im Verteidigungsministerium, veröffentlicht wurde, lässt nur einen Schluss zu: Der Umgang mit dem aus Steuermitteln finanzierten Verteidigungshaushalt ist völlig außer Kontrolle geraten. In dem Bericht heißt es:

»Das Büro des Ministerialdirektors des SECARMY, Abteilung Finanzverwaltung und -aufsicht, OASA-FM&C) und die Außenstelle Indianapolis des Finanz- und Buchhaltungsdienstleisters des Verteidigungsministeriums (DFAS Indianapolis) haben unzureichende vorerfasste Belege zu Wertberichtigungen in der Größenordnung von 2,8 Billionen Dollar für das dritte Quartal 2015 und in der Größenordnung von 6,5 Billionen Dollar zu Wertberichtigungen zum Jahresende im Zusammenhang mit dem Jahresabschluss 2015 eingereicht. Zu diesen, durch vorerfasste Belege nicht belegten Berichtigungen kam es, weil das OASA-FM&C und das DFAS Indianapolis der Beseitigung von Systemmängeln, die zu Fehlern in den Berichtigungen der vorerfassten Belege führten, keinen Vorrang einräumten und keine ausreichenden Vorgaben für die Unterstützung von durch das System ausgeführten Wertberichtigungen lieferten

Die sogenannten »vorerfassten Belege« enthalten Seriennummer, Transaktionsdaten und die Höhe der Ausgaben – das ist doch nicht so kompliziert, oder? Hier geht es nicht um kleinere Buchführungsmängel. Hier zeigt sich vielmehr die hemmungslose Korruption im Zentrum des weltweit größten militärischen krakenartigen Ungeheuers, des Pentagons. Im Bericht des US-Verteidigungsministeriums heißt es weiter:

»Darüber hinaus dokumentierte oder belegte das DFAS Indianapolis nicht, aus welchem Grund im dritten Quartal 2015 aus dem Budget-Berichtssystem des Pentagons, dem Defense Departmental Reporting System-Budgetary (DDRS-B), mindestens 16 513 von insgesamt 1,3 Millionen Datensätzen oder Unterlagen entfernt wurden … Diese Daten, die die Grundlage für den Jahresabschlussbericht 2015 über die Verwendung der allgemeinen Haushaltsmittel lieferten, waren ungenau und unzureichend. Zudem fehlten Nachweise ausreichender Prüfketten.«

In verständlichen Worten bedeutet dies nichts anderes, als dass die amerikanische Armee – und sie repräsentiert nur eine Teilstreitkraft – Buchhaltungsunterlagen vernichtete und keine Nachweise über Prüfketten vorlegte, die die rechtmäßige Verwendung der vom Kongress bewilligten Gelderbestätigten, und offenbar willkürliche und nicht nachprüfbare »Wertberichtigungen« vornahm, die den Eindruck erwecken sollten, der Haushalt sei ausgeglichen – und diese »Korrekturen« hatten einen gigantischen Umfang von mehreren Billionen Dollar.

Interessanterweise gibt es zwei mächtige und riesige Institutionen mit engen Verbindungen zur amerikanischen Regierung oder zu Regierungseinrichtungen, die sich bisher immer einer externen Überprüfung verweigerten: Bei der einen handelt es sich um die private und (praktisch kaum) von der Regierung überwachte amerikanische Notenbank Federal Reserve, und bei der zweiten Einrichtung um das amerikanische Verteidigungsministerium, das Pentagon. Unter dem Druck des ständig weiter steigenden Haushaltsdefizits, derzeit liegt es nach offiziellen Angaben bei etwa 713 Mrd. Dollar, forderte der Kongress, bis zum 30. September 2017 müsse die Armee erstmalig alle Vorbereitungen für eine Überprüfung abgeschlossen haben. Aber niemand in Washington glaubt wirklich, dass es dazu kommen wird.

Die Korruption, die Fälschungen und das anzunehmende Ausmaß des Betrugs und der Veruntreuung sind so ausgeufert und so tief verwurzelt, dass die Nutznießer jegliche Bemühungen um größere Transparenz mit dem Hinweis auf die Trägheit des bürokratischen Apparats abwehren können. Die Tatsache, dass Anstand und Integrität im öffentlichen Dienst noch vor einigen Jahrzehnten eine Tradition waren, die hochgehalten wurde, zeigt die gegenwärtige Verkommenheit Washingtons und der amerikanischen Nation.

Wenn wir der oft gesichtslosen Bürokratie, die für die wahrheitsgemäße buchhalterische Erfassung und Dokumentation der nichtnachvollziehbaren Ausgaben in Höhe von 6,5 Billionen Dollar verantwortlich ist, doch ein Gesicht geben wollen, wäre dies Oberst a.D. Robert M. Speer, Ministerialdirektor der Abteilung Verwaltung und Rechnungsprüfung der Armee, der früher für die große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) arbeitete. Vermutlich versteht er etwas von den Grundlagen des Rechnungswesens und der Buchführung.

Wen die Götter vernichten wollen…

Mein jüngstes Buch trägt den Titel The Lost Hegemon Whom the gods would destroy. Es setzt sich damit auseinander, dass superreiche Oligarchen wie David Rockefeller, George Soros oder Warren Buffet – deren angebliche Macht und Einfluss sich auf die allgemeine, aber falsche Überzeugung gründen, sie verfügten über tatsächliche Macht, eine Art Massenhypnose – offenbar immer weniger in der Lage sind, ihre globalistische, faschistische Eine-Welt-Agenda so einfach durchzusetzen. Dieses zunehmende Unvermögen zeigt sich etwa im Zusammenhang mit ihren offenbar scheiternden Bestrebungen, den Islam als Waffe einzusetzen: Dies betrifft u.a. den gescheiterten, amerikanisch gesteuerten Putschversuch in der Türkei durch Fetullah Gülen, den Terrorkrieg des Islamischen Staates (IS) und al-Qaidas gegen Syrien, der auf die Kontrolle der Erdöl- und Erdgasvorkommen der Region abzielte, oder ihre Versuche, Russland zu isolieren und China im Südchinesischen Meer einzukreisen.

Diese heutigen Entwicklungen rufen mir meine eigene Beschäftigung mit der Endphase des Römischen Reiches (Imperium Romanum) in Erinnerung. Das Römische Reich ging im 4. nachchristlichen Jahrhundert nicht aufgrund des Eindringens ausländischer Völker, sondern aufgrund seines inneren moralischen Verfalls und der Korruption zugrunde.

Die Ursprünge des Niedergangs und schließlichen Zusammenbruchs des Römischen Reiches, das 117 n. Chr. unter Kaiser Trajan seine größte Ausdehnung erreichte und zu seiner Zeit die einzige »Supermacht« weltweit war, liegen in politischen Entscheidungen der herrschenden Aristokratie. Diese Führungsschicht, eigentlich eine Oligarchie des Reichtums, wollte die Grenzen des Römischen Reiches durch Eroberungskriege und Plünderungen immer weiter ausdehnen, um ihre persönliche Gier nach Reichtum und Macht zu befriedigen, nicht um das Wohl des Staates oder das Gemeinwohl zu fördern.

Die Wirtschaft des Römischen Reiches gründete sich im Wesentlichen auf die Plünderung und Ausbeutung der eroberten Gebiete. Als sich das Reich vergrößerte, wurden auch in großer Entfernung vom Mutterland zur Sicherung der Herrschaft Militärgarnisonen errichtet. Dabei geriet Rom in immer größere Abhängigkeit von ausländischen Söldnern, die teilweise die Mannschaft dieser Garnisonen stellten.

Im Zuge dieser militärischen Expansion verarmten die Kleinbauern und Handwerker immer stärker. Viele von ihnen verloren ihren gesamten Besitz und wanderten in die Städte ab, um sich dort als Lohnarbeiter zu verdingen. Es entstand eine umfangreiche gesellschaftliche Schicht landloser und lohnabhängiger, aber freier Bürger (die »Proletarier«), die aber oft kein Wahlrecht oder andere Bürgerrechte besaßen. In den Augen der Herrschenden und Reichen galten sie als »Mob«, als käufliche, manipulierbare Masse, die man beliebig gegen politische oder andere Gegner mobilisieren konnte. Die römische »Demokratie« war so gesehen nur ein Instrument zur Manipulation der Massen im Sinne der Interessen des Reiches.

Die früher freien und unabhängigen Kleinbauern und ihre männlichen Familienangehörigen wurden gezwungen, oft für viele Jahre (16‒25 Jahre) ihre Höfe zu verlassen, um in den Eroberungskriegen als Soldat Dienst zu leisten. Als Folge der Landflucht verödeten weite Teile Süditaliens. Nur die Reichen waren in der Lage, sich große Güter (Latifundien) zusammenzukaufen und sie vor allemdurch Sklaven bewirtschaften zu lassen. Dies führte zu einem Prozess der Konzentration ungeheuren Landbesitzes in den Händen einiger Weniger. Die kleinbäuerlichen Familienbetriebe wurden von den Großgrundbesitzern zu niedrigen Preisen aufgekauft. Die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößerte sich immer mehr.

Als die beiden Volkstribunen Tiberius Sempronius Gracchus und Gaius Sempronius Gracchus im 2. Jahrhundert v. Chr. versuchten, dieser Entwicklung mit einer Land- und Sozialreform zu begegnen und die Kluft zwischen Arm und Reich, wenn nicht zu schließen, so doch deutlich zu verringern (etwa durch Landvergabe von öffentlichem Gemeindeland an Kleinbauern) und die Macht der reichen Senatoren zu begrenzen, wurden beide ermordet.

Im Rom der Kaiserzeit gab es keinen funktionierenden öffentlichen Haushalt. Wichtige Ressourcen wurden für den Erhalt des Reiches verschwendet, während die eigene Wirtschaftsproduktion gering ausfiel. Als dann auch die Provinzen ausgeplündert waren und kaum noch etwas hergaben, wurden die Steuern erhöht und die Lasten der Militärausgaben der Allgemeinheit auferlegt. Auch dies erhöhte die Stadtflucht. Um die Stadtbevölkerungen von ihrer Misere und der ständigen Verschlechterung der Lebensumstände abzulenken, verteilten die herrschenden Oligarchen kostenlos Getreide an die Armen und veranstalteten rauschende Veranstaltungen wie Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe in eigens dafür errichteten Arenen (Kolosseum). Die Strategie von »Brot und Spiele« sollte die Bevölkerung davon abhalten, gegen ihre Ausbeuter zu revoltieren.

Eine weitere grundlegende Veränderung, die dem Römischen Reich von innen heraus den Todesstoß versetzte, betraf die Umwandlung der Armee von einer Wehrpflichtigen-Armee (aus Bauern und Handwerkern) zur Berufs- oder Söldnerarmee, da der Wehrdienst in den immer entlegeneren Kriegsschauplätzen in der Bevölkerung zunehmend unbeliebt war und Spannungen hervorrief. Eine vergleichbare Entwicklung vollzog sich in den USA in den Jahren nach dem Vietnamkrieg, als Präsident Nixon die Wehrpflicht abschaffte, nachdem sich die Proteste gegen den Krieg immer mehr in der Bevölkerung ausbreiteten und die Zukunft des Militärs bedroht schien.

Da der Dienst in den römischen Legionen an weit entfernten Kriegsschauplätzen ständig beschwerlicher wurde, mussten die Anreize für einen Legionär entsprechend erhöht werden. Zuvor konnten nur römische Bürger in der Armee dienen. Nun wurde diese Beschränkung aufgehoben, und dem Veteranen winkte nach seiner ehrenhaften Entlassung die Verleihung des römischen Bürgerrechts. Ein ähnlicher Anreiz wird heute Einwanderern im Teenageralter geboten. Man verspricht ihnen die amerikanische Staatsbürgerschaft, wenn sie ihr Leben in den Kriegen Amerikas in Afghanistan, dem Irak oder anderswo aufs Spiel setzen.

Die Enthüllung des Buchhaltungsdesasters der US-Armee in der Größenordnung von 6,5 Billionen Dollar ist nur ein Symptom. Der laufende Präsidentschaftswahlkampf zwischen der Demokratin Hillary Clinton und dem Republikaner Donald Trump ist ein weiteres Symptom.

Ein Land, das zwar ungeheure Summen für Kriege überall in der Welt ausgibt, aber die Infrastruktur im eigenen Land verrotten lässt, ist zum Untergang verurteilt. Der Wiederaufbau der Infrastruktur würde schätzungsweise 3,6 Billionen Dollar kosten, also knapp die Hälfte der Summe erfordern, über die die US-Armee keine Rechenschaft ablegen kann. Eine Änderung ist erst dann in Sicht, wenn die amerikanische Bevölkerung von diesem Sodom und Gomorra endgültig die Nase voll hat und bereit ist, eingetretene Pfade zu verlassen.

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