AWAKE-Experiment und bizarre Wolkenmuster: Was spielt sich am CERN ab?

Quelle: Andreas von Rétyi in info.kopp-verlag.de

Vor wenigen Tagen begannen erste Test-Experimente des AWAKE-Projekts am riesigen Teilchenbeschleuniger des CERN bei Genf. Am 24. Juni bildeten sich dann bizarr aussehende Gewitterwolken über der Region. Nun wird im Internet diskutiert, ob ein Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen bestehen könnte.

Sogar von »großer Sorge« ist die Rede. Das neue Experiment des europäischen Kernforschungszentrums CERN könnte Verursacher sehr ungewöhnlicher Phänomene sein, so heißt es. Möglich wäre gar die Bildung von Portalen zu neuen Dimensionen.

Schon länger haben selbst Fachleute, darunter ausgebildete Physiker, gewisse Bedenken zu den Großexperimenten am CERN geäußert. Also kaum verwunderlich, wenn sich auch kritische Journalisten einige Gedanken zu machen beginnen und zumindest Teile der Öffentlichkeit mittlerweile sehr hellhörig geworden sind, wenn es um solche Projekte geht.

Was hier geschieht, hat längst eine Komplexität erreicht, die sich nur noch wenigen Menschen erschließt. Viele fragen sich, ob denn selbst die Experten hier noch wirklich den Überblick besitzen können, oder ob ihnen möglicherweise zunehmend die Kontrolle entgleitet. Sind die Experimentalphysiker vielleicht schon in die Rolle des Zauberlehrlings verfallen? Sogar ihnen dürfte eine absolut sichere Einschätzung zuweilen schwer fallen. Einige Wissenschaftler scheinen im ureigensten Interesse zur Verharmlosung zu tendieren und dadurch zu hohe Risiken einzugehen.

Dafür liefert die Geschichte genügend Beispiele. Andere wiederum mögen die wahre Situation dramatisieren. Vor allem führt das Unverständliche häufig zu haltlosen Spekulationen. Wo aber liegt die Wahrheit? Eine kurze Frage, auf die oft erst die Zeit eine gültige Antwort geben kann.

Auch durchaus kritisch eingestellte Autoren wie Michael Snyder, von Berufs wegen Jurist, wollen sich gegenwärtig keinesfalls festlegen, wenn es um das aktuelle CERN-Experiment AWAKE und seine potenziellen Folgen geht. Er präsentiert allerdings dramatische Bilder von einem Unwetter über Genf und fragt, ob diese bizarren Wolkenformationen und Blitze möglicherweise etwas mit den ersten Tests von AWAKE zu tun haben könnten.

Doch was ist das überhaupt? Was soll man sich unter diesem Experiment eigentlich vorstellen, dessen Name allein schon etwas mystisch klingt? Wie gesagt, die ganze Geschichte ist hochkomplex. Auf den Punkt gebracht:AWAKE untersucht laut CERN-Darstellung die Verwendung eines Plasmas, um Partikeln über geringe Distanzen auf sehr hohe Energien zu beschleunigen. Im Langnamen handelt es sich um das »Proton Driven Plasma Wakefield Acceleration Experiment«, also ein Protonen-getriebenes Kielfeld-Beschleunigungs-Experiment als Forschungs- und Entwicklungsprojekt am CERN.

Protonen werden dabei in eine rund zehn Meter messende Plasmazelle geschossen, um starke Kielfelder auszulösen. Mit anderen Worten: Ein Protonenstrahl erzeugt eine geladene Welle innerhalb einer Plasmastrecke. Darin besteht die Aufgabe von Kielfeld-Beschleunigern, wie sie momentan im Fokus der Forschung stehen. Die Technologie soll letztlich zu kompakteren Beschleunigern führen.

Doch welche »Nebenwirkungen« könnten die Experimente haben? Gegenwärtig zirkulieren Theorien, jene bizarren Wolkenmuster, die etwa um die Zeit der ersten AWAKE-Versuche über der Region entstanden, seien das Ergebnis von Störungen im Raum-Zeit-Gefüge und mögliche interdimensionale Portale. Rein optisch entsprechen sie dieser Vorstellung sehr gut und könnten einem Science-Fiction-Streifen entspringen. Handelt es sich bei dem Zusammentreffen von Experiment und Himmelserscheinung also um blanken Zufall, oder steckt mehr dahinter? Wurden nicht sogar aus berufenem Munde gewisse Bemerkungen fallen gelassen, die genau in diese Richtung spielen?

Schon vor Jahren hat CERN-Forschungsdirektor Sergio Bertolucci eine ungewöhnliche und seitdem vielzitierte Äußerung getätigt. Er sprach von Extra-Dimensionen und dass »durch diese Türe etwas kommen könnte«. Das lässt natürlich Spielraum für Interpretationen. Doch was Bertolucci nach eigener Aussage eigentlich meinte, habe die Mikrowelt der Teilchenphysik betroffen, keineswegs Phänomene im Makroskopischen.

Er betonte auch, dass selbst die sehr hohen Beschleuniger-Energien lediglich für unvorstellbar winzige Sekundenbruchteile einen Blick in neue Bereiche der Physik zulassen könnten, vielleicht eben auch einen Nachweis theoretisch vorhergesagter Extradimensionen, was allerdings längst keine praktischen Auswirkungen haben würde. Das Ergebnis wäre also lediglich für die Grundlagenforschung von Interesse. Tatsächlich wurde gelegentlich auch die Möglichkeit diskutiert, dass in Teilchenbeschleunigern vielleicht winzige Schwarze Löcher entstehen könnten.

Das ist bislang allerdings Theorie. Und die besagt auch, dass solche mikroskopischen Schwarzen Löcher wiederum nur einen unvorstellbaren Sekundenbruchteil existieren könnten, um sichunmittelbar wieder aufzulösen, ohne makroskopische Folgen nach sich zu ziehen. Natürlich bleibt der Öffentlichkeit hier letzten Endes nichts, als sich auf die Aussagen der Fachleute zu verlassen oder aber einfach hemmungslos zu spekulieren. Allerdings sollte mit dem Thema keine billige Panikmache verbunden werden. Das fällt nur auf diejenigen zurück, die sie betreiben.

Wer, wie Michael Snyder, schlichtweg laut über Möglichkeiten nachdenkt und skeptische Fragen stellt, gerade auch an die Fachleute, sollte in jedem Fall ernst genommen werden. Denn auch die Wissenschaft darf nicht erwarten, dass Großprojekte jener Art bestehen können, ohne in der Öffentlichkeit ein mulmiges Gefühl zu hinterlassen.

Spätestens seit der Atombombe hat – wie es einst Armin Hermann formulierte – die Wissenschaft ihre Unschuld verloren, und so stellt sich vor allem die Frage nach der Verantwortung deutlich verschärft. Gerade angesichts der erwähnten, immer noch zunehmenden Komplexität der Materie dürfte es für die Forscher natürlich eine schier unlösbare Aufgabe sein, ihre Projekte transparent werden zu lassen und entsprechende Sorgen nachvollziehbar zu zerstreuen. Alles andere aber zieht auf der anderen Seite über kurz oder lang hohe Verunsicherung nach sich.

Die Fachleute sollten gerade wegen der bestehenden Kluft nicht abschätzig auf ehrlich gemeinte, skeptische Fragen reagieren, die lediglich Sorgen widerspiegeln. Haltlose Spekulationen nur um der Spekulation selbst willen zu verbreiten, kann allerdings auch nicht der Weg sein. Hier hat der Journalismus eine Grenze zu ziehen, ohne deshalb autoritätshörig sein zu müssen.

Zumindest laut Aussagen des CERN befand sich AWAKE übrigens noch gar nicht im vollen »Wachzustand« – die zehn Meter lange Plasmazelle war noch komplett leer und noch nicht mit Plasma befüllt, was für diese ersten Versuche keine Rolle spielte. Nun gälte es eben den Gegenbeweis anzutreten und dann einen Zusammenhang mit der ungewöhnlichen Wettersituation nachzuweisen. Seit Wochen allerdings spielt das Wetter nachweislich total verrückt, und auch hierfür wurden die unterschiedlichsten Hintergründe angeführt. Die Ursachenforschung und Diskussion werden wohl noch eine Weile anhalten.