Das große geopolitische Ringen und die Teilung Syriens

In einer „Welt“ (Seerecht, kanonisches Recht, UCC – Piratenrecht) ist alles nur auf Diebstahl durch Krieg und Justiz aufgebaut. Die Menschen werden als Handelsware und Mittel zum Zweck instrumentalisiert. Wer Rohstoffe hat, leidet am meisten! (Anm. der Blog-Redaktion)

Shelley Kasli in info.kopp-verlag.de

Russlands Entscheidung, seine Militärpräsenz in Syrien deutlich zu verringern, kam überraschend und löst weltweit Spekulationen über die Gründe aus. Russland wird allerdings militärisch weiter mit seinem Marinestützpunkt Tartus und dem Luftwaffenstützpunkt Hmeimim präsent bleiben. Tatsächlich zieht Russland ab, ohne wirklich abzuziehen.

 

Der Teilrückzug wird von vielen als Botschaft an die Adresse der Regierung Assad gewertet. Diese soll die russische militärische Unterstützung nicht als selbstverständlich ansehen und sich bei den laufenden Friedensgesprächen in Genf kompromissbereiter zeigen.

Der Neffe des ermordeten amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, Robert F. Kennedy jun., erläuterte kürzlich in einem Interview, hinter den westlichen Versuchen, die Regierung Assad in Syrien zu stürzen, stehe vorrangig die Absicht, eine Erdgaspipeline von Katar durch Syrien hindurch bis weiter in die Türkei und die EU zu bauen, die die neu entdeckten Offshore-Reserven erschließen und dem russischen Gaskonzern Gazprom Konkurrenz machen soll.

Mit der Stärkung der Regierung Assad in Syrien und der permanenten Stationierung russischer Militärkräfte auf Stützpunkten im Land haben die Russen den Plänen zum Bau dieser Erdgaspipeline aus Katar erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Darüber hinaus hat sich Russland selbst in einer Region positioniert, die das Bindeglied verschiedener neuer Offshore-Erdgasfelder im östlichen Mittelmeer durch insbesondere Israel, Zypern und Griechenland bildet.

Man kann sich nun leicht ausmalen, dass eine neue russische Pipeline nach Europa diesen neuen Partnern nützlich wäre. Könnten Erleichterungen bei den Sanktionen auch eine Verwirklichung der langgehegten Pläne Gazproms für eine zweite Pipeline durch die Ostsee nach Deutschland im Sinne Russlands und seiner Partner Royal Dutch Shell, dem deutschen Energiekonzern E.ON und dem österreichischen Energieunternehmen OMV ermöglichen?

Obwohl die in Syrien engagierten Mächte versuchen, die Teilung Syriens lediglich als letztes Mittel und als eine stabile politische Lösung zu propagieren, die zu einem Gleichgewicht führen könnte, geht es dabei nicht um den sprichwörtlichen letzten Strohhalm, den man nur ergreifen würde, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft wären. Viele Experten stellen sich daher die Frage, ob die Teilung Syriens nicht die ganze Zeit über das eigentliche Ziel war.

Der folgende Auszug aus einer Veröffentlichung des Foreign Policy Research Institute, zu dessen Beratern auch Bernard Lewis gehört, aus dem Jahr 2013 stellt nur eine der Optionen dar, die von verschiedenen geopolitischen Experten von jeher vorgebracht werden:

»Die vorteilhafteste Lösung zur gewaltsamen Wiederherstellung einer sunnitisch-arabischen Hegemonie in Syrien ist die Teilung: eine entweder ›harte‹ Teilung in zwei oder mehr unabhängige Staaten (wie etwa im Falle des Sudans 2011) oder eine ›weiche‹ Teilung, wie sie [Michael E.] O’Hanlon vorschlägt, die zu autonomen, zentralisierten Kantonen unter einer schwachen Bundesregierung (wie etwa im Falle Bosniens 1995) führen würde.

Wie das Beispiel des Libanons während des dortigen Bürgerkrieges zwischen 1975 und 1990 zeigt, kommt es immer wieder zu faktischen Teilungen. Die Frage, die sich nun stellt, lautet, ob die internationale Gemeinschaft eine Beilegung [des Konflikts] unterstützen sollte, die diese Zerstückelung herbeiführt und institutionalisiert, anstatt zu versuchen, der einen oder anderen Seite zum Sieg zu verhelfen.

Einflusssphären nach der Teilung Syriens

Jordanien und möglicherweise Israel könnten in einem drusischen Quasi-Staat möglicherweise einen Verbündeten sehen, während sich ein an der Küste gelegener alawitisch dominierter Quasi-Staat mit Sicherheit mit Teheran und Moskau verbünden würde (eine Teilung [Syriens] könnte sogar Russland die größte Chance bieten, seinen Marinestützpunkt in Tartus langfristig zu halten). Das Kurdengebiet würde vermutlich eine enge Verbindung mit den ebenfalls kurdischen Regionen im Irak eingehen. Die arabischen Golfstaaten würden praktisch (vielerorts) das Zentrum kontrollieren.«

Viele der derzeitigen Konflikte der heutigen Welt spielen sich in den ehemaligen Kolonialgebieten ab, die Großbritannien in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ausgeplündert und verarmt aufgab. Die verheerenden Folgen dieses imperialen Erbes sind immer noch sichtbar. Sie sind einerder Gründe, warum über das Britische Empire weiterhin so kontrovers diskutiert wird. Wenn Großbritannien doch eine so erfolgreiche Kolonialmacht war, warum befinden sich dann so viele ehemalige Kolonien ein halbes Jahrhundert später immer noch in einem desaströsen Zustand und sind eine ständige Quelle von Gewalt und Unruhen?

Die britische Geostrategie für den indischen Subkontinent

Die britische Politik gegenüber Südasien und auch dem Nahmittelosten ist gleichbleibend kolonial geprägt und unterscheidet sich deutlich von der Politik der USA. Auch wenn in Washington derzeit Menschen mit massiven Scheuklappen, also einer sehr einseitigen ideologischen Ausrichtung, das Sagen haben, zieht die amerikanische Politik nicht notwendigerweise darauf ab, ganze Nationen zu zerstören, sondern eher darauf, die Regierung zu kontrollieren oder, wie es in den vergangenen Jahren vorherrschend unter dem Einfluss der arroganten Neokonservativen geschehen ist, einen Regimewechsel herbeizuführen. Dieses Vorgehen hat zwar – wie etwa im Irak, in Libyen und Syrien – verheerende Folgen nach sich gezogen, aber in der Regel zögen es die USA vor, ein solches Ergebnis zu vermeiden.

Großbritannien hat demgegenüber seine geostrategische Vision der postkolonialen Ära gerade darauf aufgebaut, mit der gleichen Methode, mit der der indische Subkontinent 1947 in Indien und Pakistan aufgeteilt wurde, immer weiteres Chaos zu erzeugen und Länder auseinanderbrechen zu lassen. Diese Politik leitet jeweils einen lang andauernden Prozess eines gewaltsamen Zerfalls ein. Und ähnliche Entwicklungen erleben wir nun in Ländern, in denen einst die britischen Kolonialherren jagten und heute immer noch massiven Einfluss besitzen.

Als Großbritannien den indischen Subkontinent 1947 verließ, war er in Indien und Pakistan aufgeteilt worden. Die britischen kolonialen Geostrategen erkannten nach Ende des Zweiten Weltkrieges die große Bedeutung der Kontrolle über die Erdöl- und Erdgasvorkommen. Wenn schon der Besitz nicht aufrechterhalten werden konnte, so argumentierten sie, müssten Großbritannien und seine Verbündeten immer in Reichweite bereitstehen, um gegebenenfalls dieeigene Kontrolle über diese Rohstoffe sicherzustellen und sie anderen zu verweigern. Und hier kommt auch die strategische Bedeutung des damaligen Britisch-Indien (Indien und Pakistan) ins Spiel, die von den Historikern und politischen Analysten vergessen wurde.

Die strategische Bedeutung Indiens und Pakistans sowie des Nahmittelostens

Deutschland kapitulierte am 5. Mai 1945. Am selben Tag beauftragte der damalige britische Premierminister Winston Churchill den Planungsstab des Kriegskabinetts für die Nachkriegszeit mit der Bewertung einer »langfristigen Politik« zur Sicherung der strategischen Interessen des Britischen Empire in Indien und dem Indischen Ozean. Bereits am 19. Mai wurde ihm dieses streng geheime Memorandum vorgelegt.

Seine zentrale Aussage lautet, Großbritannien müsse seine militärischen Verbindungen mit dem Kontinent beibehalten, um die sowjetische Bedrohung der Region abzuwehren. Das Memorandum nannte vier Gründe für die strategische Bedeutung Indiens für Großbritannien:

  1. Seine Bedeutung als Stützpunkt, von wo aus dort stationierte Streitkräfte leicht in der Region des Indischen Ozeans, aber auch im Nahmittelosten und in Fernost eingesetzt werden könnten;
  2. als Transitpunkt für Luft- und Seekommunikation;
  3. als Reservoir für die Rekrutierung kampfstarker Soldaten und
  4. als Standort für Luftwaffenstützpunkte im Nordwesten, von denen aus die britische Luftwaffe sowjetische Militäreinrichtungen bedrohen könnte.

In jeder der der Öffentlichkeit und der Wissenschaft vorliegenden folgenden Einschätzungen der britischen Stabschefs seit damals bis zur Unabhängigkeit Indiens wird betont, wie wichtig es sei, die britischen militärischen Verbindungen mit dem Subkontinent ungeachtet der sich dort vollziehendenpolitischen oder verfassungsmäßigen Veränderungen aufrecht zu erhalten. Vor allem auf die besondere Bedeutung des Nordwestens Indiens wurde immer wieder hingewiesen.

Für die Erreichung dieser Ziele – der Vorherrschaft in Zentralasien und auf dem indischen Subkontinent – bürgerte sich allgemein die Bezeichnung »The Great Game« (Das Große Spiel) ein. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erkannten auch die Franzosen die Bedeutung Indiens und versuchten, Indiens Ressourcen und Reichtum für ihre eigenen politischen Ziele in Europa nutzbar zu machen.

Einen ersten Höhepunkt erreichte diese Entwicklung während der napoleonischen Ära, als Napoleon erkannte, dass es unmöglich sein würde, Großbritannien in Europa zu schlagen, solange sich Indien in britischer Hand befände. Daher ging die Grande Armée ein stillschweigendes Bündnis mit Russland ein und versuchte, Indien auf dem Landweg über Russland und Afghanistan zu erobern. Als Großbritannien von diesem Plan erfuhr, schmiedete es ein Bündnis nach dem anderen gegen Frankreich, die letztlich in einen Krieg zwischen Russland und Frankreich mündeten, in dem Napoleon eine schwere Niederlage erlitt, die seinen späteren Untergang besiegelte.

Später erkundete Russland selbst diesen Landweg, und es gelang ihm, nach Zentralasien vorzudringen. Zunächst wurden die südlichen Khanate eines nach dem anderen erobert. Großbritannien erkannte die von dem russischen Vordringen ausgehende Gefahr möglicherweise sogar einer offenen Besetzung Indiens und reagierte mit drei Maßnahmen:

  1. Es errichtete in der Zeit nach 1857 »Puffer«-Königreiche wie etwa Kaschmir, Afghanistan und die Sikh-Bundesstaaten;
  2. es bildete die britische Indische Armee in der Generalstabstaktik aus, wie sie deutsche Strategen wie von Moltke und andere entworfen hatten; und
  3. es griff in das kulturelle Erbe Indiens ein.

Diese tiefgreifenden sozialen Manipulationen führten dazu, dass die Inder im Verlauf von 100 Jahren praktisch ihr gesamtes glorreiches Erbe – ihre Kultur, ihre Sitten und Gebräuche sowie ihreWissenschaft – aufgaben, die Überzeugung übernahmen, sie hätten mit all dem nichts mehr zu tun, und sich schließlich ergeben den Briten und ihrem Erziehungs- und Bildungssystem unterordneten.

Um Indien völlig zu beherrschen, setzten die Briten auf eine Politik des »Teile und herrsche« gegenüber den Religionen, den Stämmen, Clans und den Kasten sowie in Bezug auf die Sprachen und Regionen.

Die Auswirkungen dieser Politik sind noch bis heute als anhaltendes Verharren in einem Zustand geistiger, emotionaler und psychologischer Sklaverei spürbar, aus dem sich die Inder bis heute nicht befreien konnten. Die gleiche Politik wird derzeit in den Kriegsgebieten der Levante praktiziert. Und diese Strategie ist bis heute unter verschiedenen Bezeichnungen – »New Great Game«, »Kalter Krieg«, »neuer Kalter Krieg« u.ä. – bekannt.

Wie viele Länder wurden noch nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter den Vorwand und im Namen eines vermeintlichen »Mächtegleichgewichts« in unterschiedliche »Einflusssphären« aufgeteilt? Mit der Ziehung der Grenzen wurden zugleich auch die Konflikte geboren, und das bezeichnete man dann als einen »Friedensplan«. Ähnlich wie Indien von den Briten 1947 aufgeteilt wurde, droht Syrien heute das gleiche Schicksal.

Wie viel Frieden hat dies den beiden Ländern damals gebracht? Warum schieben sich Indien und Pakistan gegenseitig die Schuld zu und sind sich interessanterweise offenbar der strategischen Hintergründe der Aufteilung des indischen Subkontinents durch die Briten nicht bewusst oder haben sie sich niemals eingestanden? Noch wichtiger aber ist die Frage: Warum sollten die früheren britischen Kolonien nach mehr als sechs Jahrzehnten Unabhängigkeit die von den Briten gezogenen Grenzen akzeptieren, die nur immer mehr Zerstörung hervorgebracht haben?